BIM – neue Kooperationsform mit neuen Chancen beim Bau

BIM – neue Kooperationsform mit neuen Chancen beim Bau

Kaum ein Begriff der Bauwirtschaft ist so aktuell wie der des „Building Information Modeling“, kurz BIM. Dahinter verbirgt sich eine digitale Revolution des Bauens, die nun auch die deutsche Bauwirtschaft erreicht hat.

Wie läuft heute ein Planungs- und Bauprozess, insbesondere bei Großprojekten, ab? Die knappe Antwort lautet: häufig chaotisch. Bestätigt wird diese Aussage durch erheblichen Problemen bei der Planung und teuren Kosten- und Terminüberschreitungen z. B. bei Stuttgart 21, dem Flughafen BER und der Elbphilharmonie Hamburg. Aber auch die Sanierung der Kölner Oper ist für das Chaos am Bau und mangelnde Kooperation ein gutes Beispiel.
Das Chaos wird hervorgerufen durch den Bauherren, der ständig Änderungswünsche hat, den genialen Architekten, der aber keine oder wenig Erfahrung in der Bauausführung hat, den
Projektsteuerer, der mit Hilfe einer Vielzahl von Plänen und Besprechungsrunden – nur – koordiniert und die verschiedenen Unternehmen, die, nach Beauftragung, ihre Innovationen anbieten und durch Nachträge aus ihrem nicht kostendeckenden Angeboten Gewinn erzielen wollen.
Planungs- und Bauüberwachungsleistung erfolgen in der Regel in verschiedenen Büros von
Architekt, Statiker, Ingenieuren und Baufirmen. Hierbei entsteht immer die gleiche Problematik:
wer muss welche Informationen zu welchem Zeitpunkt wem liefern, wie aktuell sind die Pläne, und wie werden Änderungswünsche erfasst. Eine Kooperation zwischen Ausführungsplanung und Baudurchführung findet entweder gar nicht, nur sporadisch, auf jeden Fall zu spät, statt. Denn in der Regel wird isoliert geplant, ausgeschrieben und danach, gebaut.
Diese Methode kostet Zeit, die Schnittstellenproblematik ist Alltag und die zeitlich gestaffelte Kooperation führt dazu, dass Planungsfehler häufig erst in der Bauphase erkannt werden.

Es geht auch anders, nämlich mit BIM.

Diese Methode, die für die Planung und Ausführung von Großprojekten entwickelt wurde, und im Ausland bereits eine größere Verbreitung gefunden hat, eignet sich im Gegensatz zur vielfach geäußerten Vermutung, nicht nur für Großprojekte.
Building Information Modeling (BIM) ist eine Methode zur vernetzten und kooperativen
Planung, Ausführung bis hin zur Bewirtschaftung von Gebäuden auf der Grundlage eines von allen Beteiligten genutzten, dreidimensionalen virtuellen Gebäudemodells, welchem sich sämtliche Informationen über Quantitäten, Qualitäten und Kosten entnehmen lassen und anhand dessen alle am Bau Beteiligten, vollständig vernetzt, Gebäude planen und errichten.

Dabei wird zwischen einem parametrischen Gebäudemodell und einem intelligenten Gebäudemodell unterschieden. Im parametrischen Gebäudemodell können sämtliche Elemente (Wände, Decken, Bemaßungen, Beschriftungen, Objekte, Schnittlinien, etc.) zueinander in Abhängigkeiten gebracht werden, während beim intelligenten Gebäudemodell die Intelligenz auf einzelne Objekte beschränkt ist. Dadurch können Abhängigkeiten und physikalische Eigenschaften generiert werden. So kann beispielsweise eine Stütze folgende Informationen besitzen: Geschoss, unterhalb/oberhalb der Decke, Material, Breite, Höhe, Aufbau, Bauphase, Kosten, u.v.m.

Kennzeichen und Vorteile des Verfahrens sind:

  • Verbesserte Qualität der Daten, da sie alle auf eine gemeinsame Datenbasis zurückgehen und ständig synchronisiert werden
  • Unmittelbare und kontinuierliche Verfügbarkeit aller aktuellen und relevanten Daten für alle Beteiligten
  • Verbesserter Informationsaustausch zwischen Planungsbeteiligten
  • Kontinuierliche Datenaufbereitung während des gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes

Durch den verbesserten Datenabgleich soll letztendlich die Produktivität des Planungsprozesses hinsichtlich Kosten, Terminen und Qualität gesteigert werden.

Allen Beteiligten werden Informationen und Werkzeuge für eine effiziente Planung, Entwurf,
Konstruktion und Verwaltung von Gebäuden so früh wie möglich zur Verfügung gestellt.
Das BIM-Modell ist die digitale Abbildung der physikalischen und funktionalen Eigenschaften eines Bauwerkes von der Grundlagenermittlung bis zum Abriss und dient als Informationsquelle und Datendrehscheibe für die Zusammenarbeit über den gesamten
Lebenszyklus des Bauwerkes.

Durch BIM soll weder die arbeitsteilige Arbeitsweise noch die Schnittstellenproblematik beseitigt werden. Aber durch BIM kann ein höheres Optimierungsniveau durch frühzeitige Kooperation und Transparenz erreicht werden. Dabei liegt der Fokus auf einer höheren Planungs-,
Termin- und Kostensicherheit.

Kooperation ist Trumpf

BIM erfasst die Kooperation der an Planung und Bauausführung Beteiligten, Architekt, Ingenieuren und Baufirmen dadurch, dass allen dieses Modell zur Verfügung steht, jeder auf den aktuellen Planungsstand Zugriff hat und die Beiträge und Änderungen eines jeden Beteiligten transparent nachvollzogen werden können. Dadurch wird auch die viel zu späte Einbindung von Bauunternehmen aufgebrochen.
Ziel ist es, von Anfang an kooperativ wechselseitiges know how zu nutzen, um Planungs- und Ausführungsprozesse zu optimieren und dadurch Kosten zu senken. Die BIM-Methode ist Grundlage für eine neue Kommunikation und Zusammenarbeit der Beteiligten, die es ermöglicht, die traditionelle Planung und Ausführung auf ein neues Level der Transparenz und der
Effizienz zu heben.
Der dreidimensionale, objektorientierte Aufbau erlaubt es, zusätzliche Informationen und Parameter zu generieren und aus der Geometrie abzuleiten, zu speichern und zu verwalten. Entsprechende Software fördert die Informationsverteilung und das gleichzeitige Arbeiten mehrerer Personen am gleichen Modell. So kann der Statiker in unserem Beispiel direkt beurteilen, ob die Stütze den statischen Anforderungen entspricht und sofort korrigierend eingreifen, wenn dies nicht der Fall ist.

BIM erfasst die Dynamik des Planungsprozesses dadurch, dass eine dreidimensionale Grundsimulation sich durch Planung, Ausführung, Betrieb und Erhaltung von Gebäuden dynamisch
verändert.

Wenn alle Baubeteiligten ab der Planung des Objekts eingebunden werden stellen sich für den
Juristen zwei Fragenkomplexe:

  1. wie soll die Vertragsgestaltung zwischen dem Bauherren und allen Beteiligten aussehen?
  2. Welche Pflichten und Verantwortlichkeiten resultieren für jeden Beteiligten aus dieser
    Kooperation und welche Konsequenzen für Haftungsfragen ergeben sich daraus?

Bezüglich der Vertragsgestaltung besteht zum einen die Möglichkeit eines Mehrparteienvertrages. Hierbei wird nur ein Vertrag für das Projekt abgeschlossen, den alle wesentlichen Projektbeteiligten unterzeichnen. Dieser Weg erscheint in der Praxis kaum gangbar. Da jede Vertragspartei ihre Einzelinteressen einbringt und darauf bedacht ist, nicht für die Fehler anderer verantwortlich zu werden, ist ein solcher Vertrag kaum formulierbar. Hinzu kommt, dass bei eintretenden Änderungen mit allen Vertragspartnern nachverhandelt werden muss, da eine solche Vertragsstruktur keine stringente Trennung zwischen den Parteien vorsieht.
Daher lautet die Lösung: vernetze Werkverträge.
Hier werden, wie bisher, mit den Baubeteiligten Einzelverträge abgeschlossen, die aber miteinander vernetzt werden. Der Inhalt der jeweiligen Werkverträge ändert sich durch die Anwendung von BIM nicht. Der bis dato bestehende Werkvertrag zwischen den Parteien wird um eine Klausel ergänzt, die die Anwendung der besondere Vertragsbedingungen für BIM-Leistungen (BIM-BVB) und des BIM-Pflichtenhefts definiert und inhaltlich regelt. Die BIM-BVB bilden dabei die juristische und das BIM-Pflichtenheft die technische Grundlage.

Was rechtlich noch zu beachten ist…

Die BIM-BVB, rechtlich Allgemeine Geschäftsbedingungen, definieren die im Werkvertrag zwischen den Parteien in Bezug auf die BIM-Methode zu regelnden Rechte und Pflichten.
Sie enthalten Regelungen zu BIM-Prozessen, zum Datenaustausch, zur Haftung, zur Versicherung oder zum Datenschutz und ermöglichen es, auf einer einheitlichen Basis zusammen zu arbeiten.

Das BIM-Pflichtenheft erläutert vorrangig die technischen und organisatorischen Rahmenbedingungen bei der Erstellung des Gebäudedatenmodells und legt Planungs- und Dokumentationsstandards fest.
Vertraglich geregelt werden müssen das „Eigentum“ am Gebäudemodell und die jederzeitige
Zugriffsmöglichkeit für den Bauherren. Ebenso muss sichergestellt werden, dass das Modell auch dann fortgeführt werden kann, wenn einzelne Beteiligte ausscheiden. Das geschieht durch die Einräumung von urheberrechtlichen Nutzungsrechten.
Ebenso muss es Regelungen zur Datenhoheit und zur Datensicherheit geben. Es ist auch vorzusehen, in welchen, gegebenenfalls limitierenden, Formaten Daten ausgetauscht werden.
Der Einsatz von kooperativen BIM-Prozessen mit einer vertieften Zusammenarbeit der Projektbeteiligten führt nur dann nicht zu mehr Fällen einer gesamtschuldnerischen Haftung, wenn vertraglich eine exakte Abgrenzung von Verantwortlichkeiten und Zuständigkeiten, der Projekabläufe und der technischen Voraussetzungen erfolgen. Diese Abgrenzung muss Mangels allgemeiner Standards derzeit noch in jedem Projekt individuell festgelegt werden. Denn durch die enge Zusammenarbeit besteht die Gefahr, dass Verursachungsbeiträge „verwischen“ bzw. aus der Retroperspektive neue Sorgfalts- und Prüfpflichten für Beteiligte entwickelt werden.
Entscheidend für die Abgrenzung der Haftung der Beteiligten ist die Regelung, wann wer welche Arbeiten am Gebäudemodell zu erbringen hat sowie die Regelung von Prüf- und Hinweispflichten. Es muss auch festgelegt werden, ab welchem Zeitpunkt andere Beteiligte von der Abgeschlossenheit eines bestimmten Änderungsprozesses ausgehen können.

Die Honorarordnung für Architekten und Ingenieure (HOAI) steht dem Modell BIM nicht entgegen. BIM ist ausdrücklich als Besondere Leistung in Leistungsphase 2 im Leistungsbild Gebäude erwähnt. Allerdings erschöpft sich die Arbeit mit BIM nicht in dieser Leistungsphase sondern bedingt eine Verschiebung und honoramäßig nachzuvollziehende Veränderung der Leistung in den verschiedene Leistungsphasen. Denn das Erstellen von Bauwerksmodellen erfordert zu
einem früheren Zeitpunkt eine genauere Auseinandersetzung mit der Planung und der Darstellung vieler Annahmen. Durch die Übernahme der dritten Dimension ergibt sich eine höhere räumliche Klarheit. Daher entsteht zu früheren Phasen eine höhere Genauigkeit und Informationsgehalt, zu der traditionellen 2D – Planungsmethode. Die frühere Detaillierung der Bauwerksmodelle zieht eine Verschiebung des Aufwands in der Planung mit sich. Somit könnten Entscheidungen, die nach der traditionellen Planung erst in der Ausführungsplanung erforderlich wären, schon in der Entwurfsphase gefragt sein.

Auch die gesetzlichen Vorgaben für Ausschreibung, Vergabe und Ausführung durch VOB/A, VOL, BGB und die bestehenden Richtlinien zur Beschaffung müssen angepasst werden.

BIM-fähige Softwarelösungen sind parametrische, dreidimensionale und bauteilorientierte CAD-Systeme (CAD Systeme der zweiten Generation) und vielfältige Auswertungs- und Simulationstools. Diese Applikationen geben die Möglichkeit zur Erstellung von Modellen, Zeichnungen, Berichten, Kostenschätzung, Konflikt- und Fehlererkennung, Energieanalysen, Rendering und Visualisierung etc.

BIM-Verfahren werden von allen namhaften CAD-Herstellern angeboten. Die Strategien, Umsetzungen und Bezeichnungen unterscheiden sich von Hersteller zu Hersteller. Einige Beispiele:

Einige Komplettlösungen ermöglichen die Planung vieler Projektphasen die zwischen den einzelnen Tools über interne Schnittstellen kommuniziert werden können. Diese Schnittstellen funktionieren in der Regel sehr gut. Jedoch kommen in der Praxis häufig unterschiedliche Applikationen von verschieden Herstellern zum Einsatz, die über keine Kompatibilität verfügen und nur mit herstellerunabhängigen Schnittstellen (IFC) das Ziel erreichen. Diese Vorgehensweise sollte federführend vorangetrieben werden. Denn die Umstellung auf die BIM-Methode kann in kleinen Unternehmen nur schrittweise erfolgen. Ein kleineres Unternehmen wird kaum in der Lage sein, mehrere Projekte mit verschiedenen Softwarelösungen zu bearbeiten, nur weil verschiedene Bauunternehmen oder Auftraggeber, für die ein Unternehmen arbeitet, eine
bestimmte Software wünschen.

Fazit

Wer glaubt, dass noch eine lange Zeit verstreichen wird, ehe digitalisiertes Planen und Bauen in Deutschland Fuß fasst, der irrt. Die Bundesregierung hat bereits einen Stufenplan: „Digitales Planen und Bauen“ aufgelegt mit dem Ziel moderne, IT-gestützte Prozesse und Technologien bei Planung, Bau und Betrieb von großen Bauwerken als Standard einzuführen. Dies soll bis 2020 geschehen.

Dieser Methode kann man sich auch in kleineren und mittleren Unternehmen und bei kleineren Projekten bedienen, z.B. für die Errichtung von größeren Wohneinheiten oder bei umfangreicheren Betriebserweiterungen. Sie bezieht sich auf die für Deutschland typische Bürostruktur und Planungskultur. Im Einzelfall sind die Herangehensweise an BIM und die notwendigen Organisationsstrukturen und Absprachen je nach Projektgröße unterschiedlich und entsprechend zu
berücksichtigen.

BIM ist aber nicht nur eine neue Methode der vernetzten Kommunikation der Baubeteiligten. BIM erfordert auch eine Bewusstseinsänderung.
Der Bauherr, der ausschließlich die Umsetzung einer einmal vorgeschlagenen Lösung erreichen will und nicht in der Lage ist, flexibel auf sich aus der frühzeitigen Kooperation ergebende
Änderungs- und Optimierungsvorschläge einzugehen, wird mit dem Modell scheitern

Der Architekt, der nur auf sein Urheberrecht achtet wird diese Methode nicht nutzen können, wenn er Änderungswünsche des Bauherren oder gar von Baufirmen als Eingriffe in sein Urheberrecht oder seine Planungshoheit erachtet und deshalb ablehnt.

Die Baufirma, die ausschließlich das Ziel hat, den Umsatz durch den Verkauf ihrer Produkte zu steigern, ohne auf die architektonischen, energetischen und umweltschützenden Vorgaben zu achten, kann dieses kooperative Modell ebenfalls nicht nutzen.

Kooperation am Bau ist eine Grundhaltung, die nicht durch detaillierte rechtliche Regelungen vorgeschrieben oder erzwungen werden kann. BIM muss man leben und erleben, denn es macht auch Spaß im Team nach optimalen Lösungen zur Verwirklichung der Bauherrenziele zu suchen.

RA Dr. Dieblich

 

Bildquelle: Pexels

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